Real-virtueller Marktplatz

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China plant ein virtuelles Shopping-Universum. Auf einer (realen) Fläche von 100 Quadratkilometern soll das „next big thing“ nach dem WWW, ein virtueller Tummelplatz für Millionen Besucher enstehen. Unterstützt wird das Projekt mit schwedischem Know-How der Firma MindArk. Dabei wird die Plattform und ihre Auswirkungen bereits mit der industriellen Revolution verglichen, mit einem Unterschied:

„Es wird schneller und größer ablaufen und eher einer Explosion gleichen.“

In diesem Fall sind allein schon die geplanten Leistungszahlen beachtlich: während sich Linden-Labs schon ab 50.000 gleichzeitig aktiven Avataren schwer tut, wird hier mit mindestens 7 Mio. geklotzt – für den Start. Und mit Spielkram gibt sich Peking auch inhaltlich nicht ab, hier werden nicht ein paar virtuelle Güter im Gegenwert von Micro-Cents verhökert, nein: man will letztlich den kompletten, physischen Außenhandel der VR China über diese Plattform abwickeln.

Spätestens hier wird mir anders, das verdient mehr Aufmerksamkeit, das sollte man nicht als Spinnerei belächeln

Auf der Haben-Seite:

  • Als Privatmensch dürfte allein das Stöbern in den Warenwelten Anlass für Aha-Erlebnisse, Erheiterungen, aber auch für ganz neue Begehrlichkeiten und Bedürfnisse sein.
  • Für Techniker und Spielkinder (und nicht zuletzt für die Anbieter bereits existierender virtuellen Welten) kann der Vorstoß einen Quantensprung in der Qualität bedeuten.
  • Für "Entrepreneure" tun sich ganz neue Möglichkeiten auf: man muss sich ja nicht mit dem zufrieden geben, was die Chinesen schon gebaut haben. Man kann ja den ganzen chinesischen Arbeitsmarkt mit seinen gigantischen Produktionskapazitäten und der ausgewiesenen Fähigkeit, jeden nur erdenklichen Schwachsinn zu Spottpreisen herstellen zu können, auch dann nutzen, wenn man nicht unbedingt ein auf China spezialisierter, chinesisch sprechender Großkapitalist ist. Im Gegenteil: jeder Kleinunternehmer kann sein eigener Importeur werden - sozusagen ein "Spreadshirt in groß". Man stellt eine Produktidee ein und wartet, bis sich alle Fabrikbesitzer, die gerade Überkapazität haben, gegenseitig unterbieten, sie umzusetzen (oder klauen und selber vermarkten).
  • Nochmal der Privatmensch: in letzter Konsequenz könnte das für ihn ein völlig individuelles Produkt bedeuten: Einloggen, zusammenklicken, liefern lassen.

Und damit zur Soll-Seite

Wenn ganze Strukturen in Handel und Distribution wegbrechen, hat das sicherlich immense Auswirkungen auf Alltag und Arbeitsmarkt.

  • Der sich eh´ schon abzeichnende Niedergang des (Fach-)Einzelhandels wird sich fortsetzen, weil virtuelle Welten nicht nur den Einkauf ermöglichen, sondern ein echtes Einkaufserlebnis vermitteln können. Sicherlich wird es weiterhin Nischen geben, auch Nahrungsmittel wird es wohl weiterhin „vor Ort“ zu kaufen geben :)
  • Nett formuliert: "Geistiges Eigentum" ist ein Konzept, das in China ein wenig freier interpretiert wird. Soll heißen, die Idee alleine wird künftig wohl nicht mehr genügen, um Millionär zu werden - Aspekte wie fehlerfreie Distribution, exzellenter Kundenservice, fundierte Beratung, aber auch "Image" und "Marke" werden immer wichtiger werden.
  • Am Arbeitsmarkt gibt es nur noch freie Stellen für Callcenter-Mitarbeiter (für die Kundenbeschwerden) und Anwälte (um Schutzrechtsverletzungen zu verfolgen). Ok, auch das ist etwas überspitzt, ich will aber damit sagen, dass die „Generationen nach uns“ (wow, die Formulierung gibt mir echt zu denken …) noch flexibler, noch lernwilliger bis ins hohe Alter sein müssen. Immerhin, die sind wenigstens vorgewarnt, uns hat man noch den „Job auf Lebenszeit“ als Ideal verkauft …

Ganz am Ende bleibt die Frage: wenn Länder wie China irgendwann mal so entwickelt sind wie Deutschland (also auch im Hinblick z.B. auf Lohnniveau und Anspruchsdenken der Arbeitnehmer):

Woher kommen dann unsere tollen, billigen Produkte? Ich meine, ich finde es schon toll, wenn ich heute im Baumarkt einen Winkelschleifer für 9,90 Euro kaufen kann - mein Vater musste, als er sein Haus gebaut hat, für so etwas noch über 200 Mark ausgeben. Und so ist es mit vielen Dingen des Alltags: Bügeleisen, Waschmaschine, Fernseher: wer behauptet, die Sachen werden immer teurer, verhält sich wie der Supermarktkunde, dessen Schlange immer die längste ist, weil er einfach die Male, wo er an der kurzen Schlange stand, aus seiner Erinnerung gestrichen hat.

Funktioniert Wirtschaft nur, wenn es ein „Gefälle“ gibt? Oder kommt sie auch zurecht, wenn es fair zugeht und alle gleichviel haben? Aber da sind wir schon bei den ganz großen Fragen des Universums: Woher kommt Geld? Warum wird es immer mehr und dabei immer weniger wert? Heißt das zwangsläufig „Big-Bang“ oder kann es auch wie ein „Steady-State“-Modell funktionieren? 

Nachbetrachtung August 2015

Aus dem Projekt wurde wohl nichts. Die schwedische Firma gibt es noch, sie bietet weiterhin Lösungen für virtuelle Welten an und gilt als Spezialist für digitale Güter.

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