Nussknacker

Symbolbild: Eichhörnchen mit Nussknacker

Harmlos lag der da auf dem Tisch. Silbern glänzend, mit mittlerweile billig wirkenden, durch stetigen Gebrauch über die Jahre hinweg abgewetzen, schwarz-gräulichen Griffen aus Kunststoff. Daneben einige Walnüsse, ungeknackt. Sie würden nie geknackt werden, nicht mit diesem Nussknacker dort.

"Sie werden ihn wohl als Beweisstück brauchen" dachte er, eigenartig distanziert. Worüber er sich selbst wunderte, hatte er sich doch immer vorgestellt, ein Mörder müsse irgendwie ... emotional sein; aufgewühlt, wenn er das nicht oft gemacht hätte; befriedigt, wenn er ein Lustmörder wäre. Aber da war nichts, keine Reue, kein Hochgefühl, gar nichts. Nur das eigenartige, nüchterne Interesse an der Beschaffenheit seines zweckentfremdeten Mordwerkzeuges.

An der Stelle, an der die zwei - wie hießen diese Teile eigentlich - Backen? Zangenteile? Griffstücke? - mit einem Scharnier zusammengefügt waren, verhinderte ein deutlich fühlbarer, scharfer Grat, dass die Hände sich in den Gegenstand verliebten, so wie in einen sich in die Hand schmeichelnden, glatten Stein oder eine Murmel.

Geschussert, so hatten sie das als Kinder genannt. Er war immer derjenige, der die Turniere gegen seine älteren Schwestern verloren hatte. Nicht etwa, weil er schlechter geschussert hatte, sondern weil diese Biester einfach schlauer waren als er, und ihn immer wieder ausgetrickst hatten.

Wut stieg wieder hoch in ihm, so wie vorhin, als sie ihn ganz unschuldig angesehen hatte.

Er wischte das Gefühl beiseite und konzentrierte sich wieder auf den Nussknacker. Das Blut darauf war mittlerweile angetrocknet und dunkel geworden, ebenso, wie die erstaunlich wenigen Tropen auf dem Boden.

„Komisch, als ich die Platzwunde hatte, damals, beim Handball, da hat das geblutet wie Sau. Dass hier so wenig Blut ist …“.

Peinlich war ihm das gewesen, als der Rettungswagen nur wegen ihm kommen musste, er hatte sich richtig geschämt. 

Umso erstaunter war er gewesen, als ihn seine Klassenkameraden ihn später, als er zwei Tage später wieder in die Schule kam, um das Erlebnis beneideten, und er die Geschichte später auf dem Pausenhof wieder und wieder hatte erzählen müssen, wie das war, mit dem Blaulicht und dem Martinshorn, und wie das aussah, im Krankenwagen, und was der da alles gesehen hatte.

Er musste dann – von den ihn umkreisenden, neugierigen Gesichtern um ihn herum dazu genötigt - ein wenig schwindeln, denn der Krankenwagen war eigentlich ohne Blaulicht, ohne Martinshorn und in ganz normaler Geschwindigkeit ins Krankenhaus gefahren.

Aber das hätte keiner glauben wollen, das wäre keine interessante Geschichte gewesen, und er wollte doch ein einziges Mal eine interessante Geschichte erzählen.

„Die Rettung, ich sollte die Rettung rufen, und behaupten, es wäre ein Unfall gewesen!“

Er legte sich eine Geschichte zurecht, die er erzählen wollte und wählte die 112.

Noch bevor sich die Leitstelle meldete, hörte er hinter sich ein Stöhnen:

„Sag mal, warum habe ich eigentlich solche Kopfschmerzen?!“

Das muss ich erklären: mein erster Prosa-Versuch seit ... langem ... entstand eher als Fingerübung, weil ein Facebook-Freund mit folgendem Status um die Ecke kam:
"450 Worte zu einem Nussknacker schreiben. Ich schaffe ja viel, aber was soll man da schreiben? Wie weit die Nussschalen maximal fliegen?" 

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